Mit sieben Monaten stellte sich meine Tochter im Laufgitter auf. Mit neun Monaten schob sie ihren Lauflernwagen quer durchs Wohnzimmer. Und weil sie schon so früh so mobil war, hörte ich von vielen Seiten denselben Satz: «Die läuft sicher mit einem Jahr.» Irgendwann glaubte ich das selbst. Es schien logisch. Schliesslich war sie doch so früh dran. Also wartete ich auf diesen Moment. Auf die ersten freien Schritte. Auf das kleine Kind, das plötzlich durch die Wohnung flitzt. Doch dann wurde sie eins. Und sie lief nicht.
Sie lief an Möbeln entlang. Sie schob ihren kleinen Stuhl und unseren Sofabeistelltisch durch das Wohnzimmer. Mit dem Lauflernwagen war sie schnell unterwegs. Aber frei laufen? Darauf hatte sie offenbar keine Lust. Wir versuchten es an der Hand. Sie liess sich sofort auf den Boden plumpsen. Als wollte sie uns sagen: «Nein danke. Das brauche ich nicht.» Mit ungefähr 13 Monaten konnte sie dann frei stehen. Einfach so. Mitten im Wohnzimmer. Sie schaute uns an, als hätte sie gerade selbst entdeckt, was da passiert war. Ihr Gesichtsausdruck schwankte zwischen Stolz, Überraschung und Begeisterung. Es war einer dieser Momente, die man am liebsten für immer festhalten würde. Doch auch danach liess sie sich Zeit.
Heute ist sie 15 Monate alt und läuft endlich die ersten Schritte alleine. Zwei, drei, manchmal fünf. In ganz selbstbewussten Augenblicken läuft sie einmal den Korridor hoch und wieder runter. Noch etwas wackelig. Manchmal mit Pausen. Aber sie läuft. Und ich merke, wie sehr ich darauf gewartet habe. Fast jeden Morgen habe ich mich gefragt, ob heute vielleicht der Tag sein würde. Ob sie plötzlich aufsteht und einfach losläuft. Als wäre dieser Entwicklungsschritt nur eine Frage des richtigen Moments. Dabei weiss ich eigentlich, dass Entwicklung kein Wettlauf ist. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Das sagen mir andere Eltern, ich sage es mir selbst und ich glaube, nein, ich weiss es auch. Trotzdem bin ich bei diesem Thema erstaunlich ungeduldig. Aber warum?
Ich denke, Laufen ist einer dieser Meilensteine, auf die man sich lange freut. Man stellt sich vor, wie das eigene Kind losgeht, die Welt entdeckt, auf eigenen Beinen unterwegs ist. Vielleicht habe ich sogar weniger auf das Laufen gewartet als auf das Bild, das ich damit verbunden habe. Dabei war meine Tochter die ganze Zeit unterwegs. Auf ihre Weise. In ihrem Tempo. Sie ist die schnellste Krabblerin, die ich je gesehen habe. Sie entdeckt die Welt jeden Tag aufs Neue. Nur eben nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und hat sie nicht auch ohne freies Laufen längst einen Weg gefunden, überall dort hinzukommen, wo sie hinmöchte?
Vielleicht macht mich ihre Gelassenheit deshalb manchmal fast wahnsinnig. Weil sie mir etwas zeigt, das ich selbst noch lerne: Nicht alles lässt sich beschleunigen. Manche Dinge brauchen einfach ihre Zeit. Auch wenn wir längst bereit dafür wären. Oder zumindest glauben, es zu sein. Und vielleicht erinnert sie mich gerade damit an etwas, das nicht nur für Kinder gilt: Manche Dinge passieren nicht dann, wenn wir sie erwarten. Sondern dann, wenn wir bereit dafür sind. Und manchmal sind genau die Wege, die länger dauern, am Ende die schönsten anzusehen.


