Als ich 2024 schwanger wurde, sagten viele Leute zu mir: «Geniesse deine Freiheit noch, solange du kannst.» Ein Satz, den man oft hört, wenn man ein Kind bekommt. Oder besser gesagt: wenn man Mutter wird. Seit meine Tochter auf der Welt ist, begegnet mir immer wieder dieses Bild. Das Bild der Mutter, die nicht mehr spontan sein kann. Die gebunden ist und verzichten muss. Die ihre Freiheit verloren hat.
Interessanterweise ist das nicht einmal mein eigenes Bild. Es wird mir vielmehr von aussen gespiegelt. In Bemerkungen oder mitleidigen Blicken. In der selbstverständlichen Annahme, dass mein Leben heute automatisch kleiner geworden sein muss. Manchmal frage ich mich deshalb, was Freiheit heute eigentlich für mich bedeutet. Denn die Momente, in denen ich mich in meinem Leben wirklich eingesperrt fühlte, hatten erstaunlich wenig mit meiner Tochter zu tun.
Gefangen fühlte ich mich in Jobs, in denen mein Tag fremdbestimmt war. In denen ich um 8 Uhr morgens erscheinen, bis abends um 17 Uhr anwesend bleiben und Aufgaben erledigen musste, die mich weder interessierten noch erfüllten – egal ob im Homeoffice oder im Büro. Gefangen fühlte ich mich in Beziehungen, in denen ich mich nicht gesehen oder gehört fühlte. In familiären Situationen, in denen ich mich anpassen musste, statt einfach ich selbst sein zu dürfen.
Heute bestimmt ein kleines Kind meinen Alltag mit. Und natürlich gibt es Routinen – ich bin ein Freund von Routinen. Über Mittag bin ich am liebsten zu Hause, weil meine Tochter ihren Mittagsschlaf braucht. Abends beginnt unsere Routine früh. Abendessen, baden, Zähne putzen, zur Ruhe kommen, schlafen gehen. Und ja, das wird noch ein paar Jahre so sein. Von aussen betrachtet mag das nach Einschränkung aussehen. Für mich fühlt es sich oft nach dem Gegenteil an. Diese Struktur schenkt uns Freiheit. Weil ich weiss, dass meine Tochter so ausgeschlafen, zufrieden und gesund ist. Weil wir dadurch beide genug Energie haben für das, was uns Freude macht. Für Ausflüge und Begegnungen. Für spontane Einladungen und lange Nachmittage auf Spielplätzen, im Zoo oder am See.
Ja, vieles braucht heute mehr Planung. Wenn wir das Haus verlassen, denke ich an Wechselkleider, Snacks, Trinkflaschen und Sonnenhut. Manchmal dauert es gefühlt länger, bis wir startklar sind, als der eigentliche Ausflug dauert. Und trotzdem fühle ich mich nicht eingesperrt. Im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, dass ich mein Leben heute bewusster gestalte als früher. Dass ich viel klarer weiss, was mir wichtig ist. Und dass ich Verantwortung für etwas übernommen habe, das meinem Leben Sinn gibt, statt es einzuengen.
Für mich ist Freiheit gar nicht die Abwesenheit von Verpflichtungen. Für mich bedeutet sie vielmehr, bewusst zu wählen, wofür ich Verantwortung übernehmen möchte. Und natürlich vermisse ich zwischendurch die absolute Unabhängigkeit von damals. Nichtsdestotrotz fühle ich mich heute oft erfüllter, geliebter und freier als in vielen Phasen meines kinderlosen Lebens. Und würde niemals mehr tauschen wollen.


