Als unsere Tochter sieben Monate alt war, passierte etwas, worauf viele Eltern sehnsüchtig warten: Sie begann durchzuschlafen. Von einem Tag auf den anderen waren die nächtlichen Unterbrechungen vorbei. Keine Stillmahlzeiten und kein Wachliegen. Ich erinnere mich noch gut an die Erleichterung. Es fühlte sich an, als hätten wir einen wichtigen Meilenstein erreicht. Nur ahnten wir damals nicht, dass mit dem Durchschlafen gleichzeitig ein neues Kapitel beginnen würde: das Frühaufstehen.
Denn seit unsere Tochter durchschläft, beginnt unser Tag meistens zwischen fünf und sechs Uhr morgens. Kurzzeitig gab es Phasen, in denen sie bis sechs oder sogar sieben Uhr schlief. Letzte Woche waren wir eine ganze Woche lang bei sechs Uhr. Am Wochenende sogar bei halb sieben. Sofort keimte Hoffnung auf. Vielleicht haben wir es geschafft und gehören nun zu den Familien, die morgens ausschlafen können. Doch kaum hatte ich mich daran gewöhnt, war sie wieder um 5.15 Uhr hellwach und bereit für den Tag. Während ich noch darüber nachdachte, ob diese Uhrzeit überhaupt schon als Morgen gilt.
Ich lese und höre oft von Schlafmangel, Einschlafbegleitung, Schlafregressionen oder dem Durchschlafen. Letzteres gilt fast als Endgegner der ersten Babyjahre. Dass ein Kind zwar zwölf Stunden am Stück schlafen sollte, diese zwölf Stunden aber bereits um fünf Uhr morgens vorbei sind, kommt in dieser Thematik erstaunlich selten vor. Ab und zu höre ich ähnliche Geschichten. Offenbar sind wir mit unserer kleinen Frühaufsteherin nicht allein. Vielleicht liegt es daran, dass Durchschlafen in unserer Vorstellung automatisch mit Ausschlafen verbunden ist. Dabei sind das zwei völlig unterschiedliche Dinge. Das eine beschreibt, wie ein Kind schläft. Das andere, wann der Tag beginnt.
Ich glaube, wir Eltern hoffen gerne auf den nächsten Meilenstein. Wenn das Baby durchschläft, läuft oder sprechen kann, wird alles einfacher. Doch rückblickend stelle ich fest, dass selten etwas einfach verschwindet. Meistens wird eine Herausforderung durch eine andere ersetzt. Die unterbrochenen Nächte wurden bei uns durch sehr frühe Morgenstunden ersetzt. Die Müdigkeit ist zwar weniger geworden, ganz verschwunden ist sie deshalb noch lange nicht. Vielleicht besteht Elternsein genau daraus: Man freut sich über das Erreichte und merkt gleichzeitig, dass mit jedem Meilenstein eine neue Phase mit neuen Herausforderungen beginnt.
Natürlich bin ich dankbar, dass unsere Tochter nachts so gut schläft. Ich weiss, dass das nicht selbstverständlich ist. Trotzdem sitze ich manchmal morgens um 5.15 Uhr mit meiner Tasse Kaffee auf dem Sofa und frage mich, weshalb manche Kinder freiwillig zu einer Zeit aufstehen, zu der selbst die Sonne noch überlegt, ob sie wirklich schon erscheinen möchte. Eine Antwort habe ich bis heute nicht gefunden. Vielleicht gibt es sie auch gar nicht. Vielleicht gehört es einfach zu den vielen kleinen Rätseln der Elternschaft, die sich nicht lösen lassen und irgendwann nur noch zu den Geschichten gehören, über die man später schmunzeln kann.


