Die Erwartungen beginnen oft schon, bevor ein Kind geboren wird. Werdende Eltern und Angehörige überlegen, wem es ähnlich sehen wird, welchen Charakter es haben könnte und welchen Weg es später einmal einschlagen wird. Als wäre ein Kind vor allem ein nächster Lebensschritt oder ein Projekt, das möglichst gut gelingen muss. Seit ich Mutter bin, sehe ich das anders. Ich habe nicht das Gefühl, einen Menschen erschaffen zu müssen. Ich darf einen Menschen begleiten. Einen kleinen Menschen, der bereits alles in sich trägt, was ihn einzigartig macht. Die folgenden Zeilen sind für meine Tochter.
Ich glaube, meine wichtigste Aufgabe besteht nicht darin, dir möglichst viel beizubringen. Vielmehr geht es darum, dass ich dafür sorge, dass du möglichst wenig von dem verlierst, was du heute ganz selbstverständlich in dir trägst. Ich wünsche mir, ich hätte manches nie lernen müssen: die graue Maus zu sein. Das Mädchen, das niemandem zur Last fallen wollte. Harmoniebedürftig. Beschützend. Mit Angst, irgendwo anzuecken. Lieber gemocht werden, als ehrlich zu mir selbst zu sein.
Es dauerte viele Jahre, bis ich verstand, dass mein Wert nicht davon abhängt, wie zufrieden andere mit mir sind. Dass ich „Nein” sagen, Grenzen setzen und meine Meinung vertreten darf. Dass ich nicht kleiner werden muss, damit sich andere grösser fühlen. All das musste ich mir Schritt für Schritt erarbeiten. Oft war es schmerzhaft oder auf Umwegen. Und auch wenn es nicht nur in meiner Hand liegt, wünsche ich mir so sehr, dass du immer du selbst bleiben darfst.
Ich wünsche dir, dass du nie daran zweifelst, wie wertvoll du bist. Dein Wert hängt nicht von guten Noten, beruflichen Erfolgen oder davon ab, zu schweigen, nur um nicht anzuecken. Du bist wertvoll, weil du du bist. Ich wünsche dir, dass du laut bist, wenn dir danach ist, und leise, wenn du es fühlst. Sei weich und stark, emotional und sensibel, aber auch mutig. Deine Tränen sind keine Schwäche und deine Wut kein Charakterfehler. Höre auf dein Bauchgefühl und treffe Entscheidungen, die sich für dich richtig anfühlen, auch wenn andere sie nicht verstehen. Ich wünsche mir, dass du deine Meinung sagst, Fragen stellst und den Mut hast, gegen den Strom zu schwimmen.
Ich kann dich nicht vor allem bewahren. Du wirst enttäuscht werden. Menschen werden dich verletzen. Du wirst Fehler machen und Entscheidungen bereuen. Das gehört zum Leben dazu. Aber vielleicht kann ich dir ein Fundament mitgeben, das dich durch all das trägt. Ein Fundament, auf dem steht, dass dein Wert niemals verhandelbar ist. Dass du niemandem etwas beweisen und Liebe nicht verdienen musst. Und dass du niemals jemand anderes werden musst, um genug zu sein.
Wenn ich dir etwas mitgeben kann, dann sind es keine perfekten Ratschläge, sondern das Vertrauen, deinen eigenen Weg zu gehen. Wenn du eines Tages auf dein Leben zurückblickst, wünsche ich mir nicht, dass du sagst: „Meine Mama hat alles richtig gemacht.” Vielmehr wünsche ich mir, dass du sagen kannst: „Ich durfte immer ich selbst sein.” Denn genau das möchte ich dir von ganzem Herzen schenken – nicht erst irgendwann, sondern von deinem allerersten Lebenstag an.


